Ich bin selbst kein Haudegen, was Grammatik und Orthografie angeht, habe aber meine Freude am sprachlichen Ausdruck und betreibe noch ein paar weitere Internetseiten.

Wirklich grauenvoll haben sich allerdings die allgemeinen Fähigkeiten hinsichtlich Rechtschreibung in den letzten 20 Jahren entwickelt. Allerorten sind krude Kasusfehler und Kommaaussetzer zu bewundern. Fremdwörter werden entstellt, und selbst altgediente „Spiegel“-Redakteure kennen nicht mehr den Unterschied zwischen „das Verdienst“ und „der Verdienst“.

Als absoluter Super-GAU in Sachen Sprachintelligenz hat sich freilich die „Rechtschreibreform“ erwiesen. Mit ihr wurde ein „Anything goes“ in der Kommasetzung hoffähig. Ein primitiver, bürokratischer Rationalismus sprach jeder tieferen Sprachlogik Hohn, so z.B. in der Getrennt- und Zusammenschreibung.

Ich erinnere mich gerade an eine ukrainische Deutschlehrerin, die nur einen genervten, abschätzigen Blick übrig hatte und den Kopf senkte, als ich das Wort „Rechtschreibreform“ in den Mund nahm.

Wie der Dichter Reiner Kunze völlig zu recht feststellte, handelt es sich hierbei um ein Kulturverbrechen erster Güte, was wohl so nur in Deutschland möglich ist, einem Land, in dem das Volk es immer noch nicht geschafft hat, sich einfach wohl mit seiner Kultur und sich selbst zu fühlen, sich selbst wertzuschätzen.

Daß diese pathologische Geringschätzung auch angesichts der deutschen Geschichte nicht zu rechtfertigen ist und keine gesunde Lebenshaltung darstellt, versteht sich von selbst. Ein sehr kleines Zeitfenster von gerade mal 12 Jahren muß dafür herhalten, uns von uns selbst zu entfremden und gewisse Komplexe vor allem in linken Kreisen zu befriedigen.

So ist es auch kein Wunder, daß die „Rechtschreibreform“ ein Produkt linker Ideologie ist. In der typischen Paranoia der Nachkriegszeit wurde unsere Sprache als „Herrschaftssprache“ dämonisiert und denunziert, die „dereguliert“ werden müsse, damit wir endlich Demokratie lernen.

Verzweifelt versuchte man, „Auschwitz“ mit allem und jedem zu erklären, was einem in die Hände fiel und was der eigenen Ideologie entgegenkam. Und da muß dann eben auch schon mal unsere Sprache herhalten, die angeblich elitär sei. Linke Milieus fallen sowieso leider durch einen pathologischen Reformeifer auf, der mit viel Gerechtigkeitspathos aufgeladen ist, sich aber – zumindest in jüngerer Zeit – häufig als nichts weiter als eine behandlungsbedürftige Neurose entpuppt.

Dieser Gerechtigkeitsfuror wird immer absurder angesichts von „geschlechtergerechter Sprache“, „Homo-Ampeln“ oder Regelungen, die vorschreiben, neue Straßennamen nur noch nach Frauen zu benennen – es sei denn, es muß mal ein Rudi Dutschke oder Silvio Meier geehrt werden.

Es tut richtig weh, mitanzusehen, wie Linke ihre eigentliche Kernkompetenz – stärkere soziale und ökologische Leitplanken der Marktwirtschaft – vernachlässigen und sich stattdessen diversen Ersatzbefriedigungen widmen und sich dann auch noch wundern, warum sie nicht mehr gewählt werden.

Es ist verständlich, daß man angesichts der Nazi-Verbrechen beschämt ist und daß man irgendwie Ursachen dafür festmachen will. Politik ist allerdings auch keine Gruppentherapie und kein Sandkasten, wo man seine Neurosen pflegen kann.

Die paranoide Geringschätzung unserer deutschen Kultur ist die beste Subventionspolitik für Rechtsextreme. Linke beschwören also geradezu herauf, was sie eigentlich bekämpfen wollen. Eine klassische tiefenpsychologische Ironie.

Die sprachliche Verhunzung der letzten zwanzig Jahre haben wir also – mal abgesehen von Internet, smarten Mobiltelefonen und sozialen Netzwerken – der Naziparanoia nicht nur der Linken zu verdanken. Auch die CDU-Kultusminister stimmten ja für diese lächerliche „Reform“, die Unmengen an geistigen Ressourcen verbraucht hat, da man sich idiotische Regeln zu eigen machen mußte. Wozu dieser Wahnsinn angesichts dessen, daß niemand etwas an unserer Sprache auszusetzen hatte?

Alles funktionierte ja bestens. Mir tun die Deutschlehrer unendlich leid, die diesen Schwachsinn  durchexerzieren mußten.

Selbst bei intelligenten Leuten oder gar Journalisten kann man heute das berühmt-berüchtigte Das-dass-Syndrom beobachten. Das ß, das einer vordergründigen Bulldozer-Rationalität weichen mußte, führte zu einer höheren Fehlerrate und geringeren Unterscheidbarkeit vom normalen das, welches Relativsätze einleitet, und dem neu erstandenen „dass“, welches das ach so irrationale „daß“  ersetzte.

Die mit der Rechtschreibreform durchgesetzte Kulturvernichtung ist wirklich ein Graus. Das passiert, wenn man unsere Sprache verblendeten Politikern und Bürokraten überläßt. So etwas schaffen wirklich nur wir Deutsche.

„Auschwitz“ kann man nicht mit Selbstverachtung sühnen. Auch wenn gerade Linke sich unglaublich progressiv fühlen mit solch einem Kasperletheater. Eine typische Ironie ist auch hier, daß man sich durchaus auf „direktem Wege“ schwertat mit der Sühne, also z.B. mit Entschädigungszahlungen an NS-Zwangsarbeiter.

Das ganze Geld, das die „Rechtschreibreform“ über die Jahrzehnte kostete, hätte man von mir aus gerne nach Israel überweisen können und den noch wenigen Überlebenden zugute kommen lassen sollen.

Angesichts von Pleiten, Pech und Pannen im Zuge der „Rechtschreibreform“ war es denn auch kein Wunder, daß diese „Reform“ gleich mehrmals reformiert wurde. Beim Schreiben dieser Zeilen kommt in mir nochmals das Gefühl hoch, wie unsagbar unsinnig und schwachsinnig diese Reform war. Sie ist ein klassisches Beispiel für den Aktionismus der Politik.

Man will sich durch irgendetwas hervortun, klebt noch ein schönes Label wie „Fortschritt“ oder „Gleichberechtigung“ drauf und fertig ist die sinnlose Geldverschwendung, die Selbstbeweihräucherung.

Und irgendwann merkt man dann, daß man wohl zu sehr an die Label geglaubt hat, die man auf bestimmte Aktionen geklebt hat. So funktioniert Politik leider häufig. Es werden „Verbesserungen“ gepriesen, die häufig im besten Falle keine Verbesserung darstellen, aber ordentlich kosten und Unannehmlichkeiten mit sich bringen.

Nicht nur „Rechtschreibreform“ und Internet sind für die Verflachung unserer allgemeinen Kultur verantwortlich zu machen. Die totale Berieselung in einer zunehmend nihilistischen und dekadenten Konsumkultur scheint auch ein gehöriges Quentchen beizusteuern. Sprachliche Ästhetik, Fertigkeiten sind gewissermaßen „Opfer-Gedöns“.

Ja, richtig gelesen. Du bist ein Opfer, wenn du dich für so einen Bullshit interessierst. Du bist sentimental, gefühlsduselig, um nicht zu sagen: schwul!

Lobpreisen wir den Fetisch der totalen Konkurrenz. Wir müssen „konkurrenzfähig“ sein. Auf dem Weltmarkt bestehen. Wir brauchen „Innovationen“. Brauchen wir natürlich nicht, sie überfordern uns. Aber es geht leider nicht anders. Schließlich will man am Markt reüssieren.

Alles muß möglichst cool klingen. Oder beinhart, abgebrüht. Wir sind hart. Mit so einer arschgefickten Scheiße wie Kommaregeln und Konjunktiven geben wir uns nicht ab.

Sprache ist unwichtig geworden im globalen Konkurrenzbusineß. Punkte und Bindestriche wurden wegrationalisiert. Sehen einfach nicht mondän und englisch genug aus. Das „Humboldt Forum“ in Berlin läßt grüßen.

In einer globalen Konkurrenzkultur fehlt zunehmend die Muße an zweckfreiem, profitlosem Genuß von Sprache und Kunst. Die Verarmung unserer Kultur zeigt sich ja auch an der Musik oder den Filmen, die heute konsumiert werden. Man denke auch an den Multimedia-Overkill, der uns heutzutage selbst in traditionellen Einrichtungen wie Museen heimsucht.

Dieses Blog dient der Dokumentation des zunehmenden Verfalls unserer Sprachkultur.

Der Autor möchte allerdings auch nicht einem Purismus oder einer Pedanterie das Wort reden. Ich bin selbst Ostberliner und spreche recht regelfreien Dialekt – auch die Dialekte fallen ja nebenbei bemerkt dem Profitdruck zunehmend zum Opfer. Mir geht es um die Schriftsprache. Auch ich mache genug Fehler und habe Unsicherheiten.

Was uns fehlt, ist der Anspruch, möglichst fehlerfreies und gutes Deutsch zu schreiben. Sprache ist uns zunehmend egal geworden. Es kümmert viele Leute einfach nicht mehr, ob sie etwas richtig oder falsch schreiben. Da wird völlig konfus drauf los gedrechselt.

Die sprachliche Verwahrlosung läßt sich auch zunehmend unter den Profis beobachten, also in den Redaktionen von Print- und Online-Medien. Auf dem Blog werden sowohl Entgleisungen von Laien als auch von Profis besprochen werden.

Wir sollten wieder lernen, was wir an unserer Sprache haben, und sie als eine Essenz unserer deutschen Kultur verstehen. Man pflegt ja schließlich auch seinen Garten oder saniert Häuserfassaden. Manchmal rekonstruiert man sogar alte Gebäude, weil man ihren Wert erkannt hat.

Vielleicht rekonstruiert man ja irgendwann auch wieder unsere Schriftsprache und tilgt die schlimmsten „Bausünden“ der Rechtschreibmoderne. Wir sollten uns die Liebe zu unserer Kultur nicht von einem durchgeknallten Österreicher vermiesen lassen.